Mit 13 habe ich meine erste Zigarette geraucht. Heute bin ich 32 und seit 150 Tagen ohne Nikotin. Ich kann selbst noch nicht richtig glauben, dass ich das hier schreibe.
19 Jahre lang war ich überzeugt, dass es am Produkt liegt. Zigaretten, dann Snus, dann Vapes, IQOS, Shisha, Zigarillos. Jedes Mal dachte ich, ich lasse das Problem hinter mir. Dabei war es nie das Produkt, sondern das Nikotin. Bis ich das kapiert habe, hat es fast zwanzig Jahre gedauert.
Angefangen hat es nach der Schule, und es fühlte sich wirklich wie ein Abenteuer an. Ich hatte alles im Griff, natürlich. Aufhören konnte ich ja jederzeit. Etwa ein halbes Jahr später hat mich meine Mutter erwischt. Sie hat nicht geschrien. Sie hat mich nur ruhig gebeten aufzuhören. Ich habe es ihr versprochen und fest geglaubt, dass das leicht wird.
Am nächsten Morgen habe ich gemerkt, was für ein Biest Nikotin ist.
Ein paar Tage habe ich durchgehalten. Dann hat mir ein Freund eine Zigarette hingehalten, und ich habe sie genommen. Ich habe ihm nicht mal gesagt, dass ich aufgehört hatte.
Mit 15 hatte ich meine eigene Packung, jeden Tag. Fast alle um mich herum haben geraucht. Ich habe Erwachsene angeschaut, die seit 20, 30 Jahren rauchten, und gedacht: So werde ich nie. Noch ein, zwei Jahre, dann ist Schluss. Mit 18 haben wir die Tage gezählt, bis wir endlich überall Zigaretten kaufen und uns nicht mehr verstecken mussten. Vier, fünf Jahre hatte ich da schon hinter mir, und irgendwo in mir hat das genagt. Also habe ich mit mir selbst einen Deal gemacht: noch ein paar Jahre, dann höre ich auf. Danach wurde Rauchen einfach Hintergrundrauschen. Ich habe aufgehört zu zählen.
Mit 20 kamen die ersten E-Zigaretten, die aus Metall, die man aus einem Fläschchen befüllt. Ein ganzes Jahr lang habe ich nur noch E-Zigaretten benutzt und mich wie ein Sieger gefühlt. Siehst du, ich kann aufhören, wann ich will. Dass es dasselbe Nikotin in anderer Form war, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Dann kam das Sodbrennen, dazu Liquid im Mund, und ich war wieder bei den Zigaretten.
Mit 23 habe ich nachgerechnet. Zehn Jahre. Zehn! Zum ersten Mal habe ich richtig Angst bekommen. Das hatte ich nie geplant, wie können das schon zehn Jahre sein? Also habe ich mir einen genialen Plan ausgedacht: auf Snus umsteigen, die Zigaretten sein lassen, dann den Snus sein lassen. Ganz einfach. Hat nicht geklappt. Wenn ich mit Leuten geredet habe, hatte ich das Gefühl, alle starren nur auf die Beule an meiner Lippe. Zurück zu den Zigaretten.
Mit 25 habe ich angefangen, mich zu schämen. Jung, fit, und ich ruiniere mir das selbst. Zum Rauchen habe ich mich nur noch versteckt. Manche Bekannte glauben bis heute, dass ich nie in meinem Leben geraucht habe. Das ist inzwischen fast komisch.
Mit 27 dann IQOS. Ich war ehrlich überzeugt, dass es harmlos ist, und habe etwa doppelt so viel geraucht wie vorher. Zwei Jahre später fing mein Herz plötzlich an zu rasen, und mein Blutdruck stieg. Dabei mache ich Sport. Ich war wütend. Vor allem auf mich selbst, darauf, wie tief ich drinsteckte. Eines Tages ist mir mein IQOS in die Toilette gefallen. Ich habe draufgeschaut und gedacht: Okay. Das ist ein Zeichen. Angefasst habe ich das Ding nie wieder.
Mit 29 Einweg-Vapes statt Zigaretten. Ein halbes Jahr später: wieder Sodbrennen, wieder Herzrasen und dieses Gefühl, als wäre mein ganzer Körper mit Chemie durchtränkt.
Im selben Jahr musste ich einen Monat lang Antibiotika nehmen, und dazu darf man keinen Alkohol trinken. Eine so lange Pause hatte ich seit zwölf Jahren nicht gehabt. Nach etwa zwei Wochen hat es plötzlich klick gemacht: Ich brauche das nicht mehr. Inzwischen bin ich im vierten Jahr ohne Alkohol. Einen Monat später habe ich dasselbe mit dem Nikotin gemacht, und es hat geklappt. Mineralwasser, chinesischer Tee, ich war so glücklich. Ich war sicher, dass es für immer vorbei ist.
Etwa im dritten Monat hat meine Freundin eines Abends Shisha vorgeschlagen. Es ist mir peinlich, aber ich wusste nicht, dass in einer Shisha Nikotin steckt. Aus einmal pro Woche wurde alle paar Tage, dann fast jeden Abend, dann saß ich allein nach der Arbeit mit dem Laptop davor. Als ich irgendwann nachgerechnet habe, waren es 400 Euro im Monat. Und mir wurde klar, dass ich seit dem allerersten Abend wieder Raucher war.
Das war ärgerlich, komisch und peinlich zugleich. Ich war ganz freiwillig wieder in die Falle getappt. Also habe ich aufgehört, mir selbst etwas vorzumachen, und bin zu den Zigaretten zurück. Diesmal Zigarillos, Al Capone Flame, 8 bis 10 am Tag.
Dann war es 2026, 19 Jahre nach der ersten Zigarette. Die Zahl hat mich ehrlich erschüttert. Ein halbes Jahr lang meldete sich fast jedes Mal, wenn ich eine rausholte, dieselbe Stimme: Hey, du weißt schon, dass du aufhören musst, oder? Wann denn? Ich habe sie gehasst. Ein erwachsener Mann, der genau weiß, was los ist, und der keinen einzigen Schritt schafft.
Im Mai habe ich Geburtstag. Ich wurde 32 und habe mir ein einziges Versprechen gegeben: Rauch, so viel du willst, aber vor dem 31. Mai machst du diesen Schritt. Und ich habe ihn gemacht. Ich habe die letzte Zigarette ausgedrückt und zu mir gesagt: Ich brauche kein Nikotin mehr. Keine Zigaretten, keinen Snus, gar nichts. Ich bin frei. Ich wusste, dass die nächsten Tage hart werden. Einen Weg zurück gab es nicht.
Die ersten Tage war ich allein zu Hause, meine Freundin war arbeiten. Nur ich und das Nikotin-Monster, eins gegen eins. An diesen Kampf erinnere ich mich noch genau. Körperlich war es richtig hart. Ich konnte mich nicht konzentrieren, nicht schlafen, mich nicht mal in ein Video oder ein Spiel reinziehen lassen, mein Kopf hat mich immer wieder rausgeworfen. Und am schlimmsten war die Einsamkeit. Ich wollte einfach mit jemandem reden.
Gleich am ersten Morgen wollte ich mir einen Tracker zum Aufhören herunterladen. Der erste war zu simpel. Die nächsten beiden wollten gleich nach dem Onboarding, dass ich ein Abo abschließe. Das fühlte sich falsch an: Jemand reicht dir die Hand und hält dir im selben Moment einen Bezahlbildschirm hin. (Einen ehrlichen Vergleich solcher Apps gibt es inzwischen hier im Blog.) Also habe ich meine Notizen geöffnet und angefangen aufzuschreiben, was ich in genau diesem Moment brauchen würde. Etwas für die Momente, in denen man sich allein fühlt. Einen schnellen Weg durch ein Craving. Eine Möglichkeit, meine Erfolge zu sehen. Das war das Erste, was mich wirklich aus dem Craving herausgeholt hat.
An Tag 3 habe ich mir gesagt: Ich bin nicht einfach jemand, der aufgehört hat. Ich kämpfe jetzt gegen Nikotin. Und diese App baue ich selbst und mache sie für alle kostenlos. So ist NiQuit entstanden.
Heute sind es 150 Tage und 722 Euro gespart. Bei Nikotin bin ich mir so sicher wie bei Alkohol. Es ist erledigt. Und ich bin glücklich.
Wenn ich dem 13-Jährigen oder dem 23-Jährigen von damals eins sagen könnte, dann das: Es ging nie um Zigaretten, Snus oder Vapes. Jeder Wechsel war dieselbe Falle in neuer Form. (Wenn dich die Wissenschaft dahinter interessiert: Es ist jedes Mal dasselbe Molekül.)
Wenn du gerade an Tag 1 oder Tag 4 bist und das liest: Du bist nicht der Erste und nicht der Letzte auf diesem Weg. Gib nicht auf. Und wenn du ganz am Anfang stehst, hier steht, wie du die ersten 72 Stunden überstehst.
Schluss mit Nikotin.
